Paarberatung als Chance für lebendige Sexualität

Lust auf Sex

In unseren Beratungen in der katholischen Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen erleben wir immer wieder, wie schwer es vielen Paaren fällt, offen über Sexualität zu sprechen.

Ein schwieriges und häufig schambesetztes Thema für beide Seiten.

Die Angst, etwas Falsches zu sagen, überhaupt von eigenen Bedürfnissen zu sprechen und die Scham, etwas vielleicht Peinliches zu benennen, verhindern nicht selten das Gespräch. So bleibt Kommunikation über Sexualität eine der größten Herausforderungen in vielen Partnerschaften.

In der Beratungssituation beschreiben Paare, dass sie zwar einander mitteilen könnten, dass sie mal wieder Lust auf Sex hätten, aber WIE genau sie es sich wünschen, welches Szenario, welche Art von Berührungen sie gerade JETZT in der aktuellen Situation (er)leben möchten, bleibt ungesagt und dem Zufall oder der Kreativität des Partners/der Partnerin überlassen.

Im gemeinsamen Gespräch lernen, sich selbst mehr zu öffnen und auch die Sicht des/der jeweils Anderen auf die gemeinsame Sexualität besser zu verstehen

Wir haben mit Marlene (42) und ihrem Mann Klaus (46) gesprochen: Die beiden sind seit gut 15 Jahren ein Paar und beschreiben den Sex am Anfang ihrer Beziehung als lebendig und erfüllend. In den letzten Monaten hätten sich Spannungen eingestellt und Klaus hat das Gefühl, dass Marlene immer häufiger „nicht will“. Ihn verunsichert das, weil er körperliche Zuwendung als Ausdruck von Nähe und Liebe versteht. Es gibt ihm Sicherheit und Bestätigung. Er fühlt sich nach dem Sex besser „angedockt“ bei Marlene und hat dann den Kopf freier für Marlenes Themen. Trotzdem tut er sich sehr schwer, Marlene von seinen Wünschen zu erzählen und auch von der Möglichkeit, „danach“ auch über andere Themen sprechen zu können; er will nicht, dass Marlene sich für die Erfüllung seiner sexuellen Bedürfnisse verantwortlich fühlt.

Marlene ihrerseits hat den Kopf voll mit vielen Alltagsdingen und empfindet Klaus Wunsch nach Zeit und Sex als zusätzliche Anstrengung und als weiteren Termin, für dessen Gelingen sie sich zuständig sieht. Sie fühlt sich oft überfordert und unter Druck; sie bräuchte mehr Gespräch, Langsamkeit und Kuschel-Zärtlichkeit. Dass Klaus sie begehrt und trotz ihrer hohen Belastung als attraktive Frau wahrnimmt, hörte sie in der Beratung zum ersten Mal und konnte sich das kaum vorstellen.

Im gemeinsamen Gespräch lernen die Beiden, sich mehr zu öffnen und die Sichtweise des/der Anderen auf die gemeinsame Sexualität zu sehen und zu verstehen.

Sie erinnern sich an ihre erste gemeinsame Zeit, als sie aus getrennten Wohnungen zu einem „Date“ zusammenkamen, zu dem sie sich verabredet hatten.

Verabredete Paarzeiten

Diesen Gedanken greifen sie wieder auf und verabreden Paarzeiten: Abwechselnd regeln sie die Verantwortlichkeit für diese Treffen – mal kümmert sich Klaus um die auswärtige Betreuung der Kinder, den Videofilm oder das Kinoprogramm und das Essen, mal macht das Marlene. Beide entscheiden nach ihren jeweiligen Bedürfnissen und machen dann einen Vorschlag für die Gestaltung der kinderfreien Paarzeit. Für beide ist klar, dass auch gemeinsamer Sex sein darf, aber nicht zwingend sein MUSS. Indem sie sich beide auf die Vorbereitungen des jeweils anderen einlassen, ist für beides Raum: Marlene startet diese Treffen meist mit einem leckeren Essen und findet hier Worte für das, was sie in der letzten Zeit bewegt hat. Organisatorische Dinge in Bezug auf Haushalt und Kinder sind zu diesem Zeitpunkt nicht erlaubt, dafür hat sich das Paar „Orga-Zeit zum Wochenstart“ am Sonntagabend eingeplant. Wenn Marlene von sich erzählt, hört Klaus einfach nur zu. Er bringt keine eigenen Ideen oder Lösungsvorschläge ein.

Einen passenden Rahmen finden

Animiert durch Marlenes Offenheit, kann auch Klaus von seinen Gedanken sprechen und fühlt sich wohl in Marlenes Gegenwart, die er zugewandt, freundlich und offen erlebt.

Manchmal kocht auch Klaus, lieber aber bestellt er den Lieferservice und freut sich, wenn Marlene sich chic macht und ihn am gedeckten Tisch erwartungsvoll ansieht. Tatsächlich erleben die beiden diese Situation als sehr entspannt und daraus kann sich auch ein Gespräch über sexuelle Wünsche entwickeln, in dem auch Fantasien und Vorstellungen benannt werden dürfen.

In der Beratung haben Klaus und Marlene gelernt, sich Zeiten als Paar einzuräumen und auch, dass das Sprechen über Sexualität und eigene Wünsche dazu gar nicht so schwer ist. Tatsächlich ist der passende Rahmen sehr wichtig. Zwischen „Tür und Angel“ oder mal eben im Bett ist so eine intime Öffnung nicht einfach möglich. Auch die Verabredung zum Sex, also feste Zeiten, wo Lust dann Raum einnehmen darf, haben geholfen. Marlene hatte oft den Wunsch, den „kleinen Finger“ der Nähe reichen zu wollen, aber sich aus Angst, dass Klaus dann vielleicht mehr wollen würde, zurückgezogen.

Physiologischer Hintergrund - das Hormon Oxytocin

Neben all dem war auch der Blick auf Sexualität und Intimität als menschliches Grundbedürfnis hilfreich für beide. Im Gespräch mit der Beraterin haben Marlene und Klaus u.a. erfahren, dass es auch einen physiologischen Hintergrund gibt, weshalb sie sich in ihrer Beziehung wieder wohler miteinander fühlen. Oxytocin heißt das Bindungshormon, dass für den Bindungsaufbau bei Mutter und Kind sorgt, aber eben auch im sexuellen Kontakt freigesetzt wird und sowohl körperliche als auch emotionale Bindung stärkt, was wiederum das Gefühl der emotionalen Nähe und des Vertrauens fördert.

Erstellt am 15.01.2026 von Andrea Loose